Warum nicht mal sachlich…

Als Vorwort:
Unsere Demokratie ist ein hohes Gut und ermöglicht uns seit vielen Jahrzehnten ein Leben in Sicherheit und Frieden. Sie lebt vom Austausch, von der Diskussion und auch dem Streit über Themen, die die Menschen bewegen – im Großen, wie im Kleinen. Lösungen von Problemen erfordern Kompromisse und die Bereitschaft, zuzuhören, andere Meinungen zu akzeptieren, eigene Fehler einzugestehen und sich auf Andere einzulassen – auch wenn es zwischendurch mal hitzig wird.

Überzeugen mit Fakten

Ein aktuelles Streitthema ist und bleibt die geplante Errichtung von WKA im Reinhardswald, bei welchem sich die EGR und verschiedene Bürgerbewegungen meinungsmäßig gegenüberstehen. Von daher möchte ich heute noch einmal ein paar Fakten zusammentragen, um zu verdeutlichen, dass in unseren Reinhardswald keine WKA gebaut werden sollten.

Energiewende mit Vernunft – 1. Energiesparen

Zuerst einmal möchte ich erwähnen, dass ich persönlich einer Energiewende positiv gegenüberstehe, wobei ich aktuell an oberste Stelle die Energieeinsparung setzen würde. Jede KWh, die nicht verbraucht wird, muss nicht produziert werden und selbst der sauberste Ökostrom hat eine Schadstoffbilanz. Dabei sind wir alle gefordert und können mit unserem Verhalten Strom und andere Primärenergie einsparen. Gegenüber dem Jahr 2000 verbrauchen wir in Deutschland jährlich 30 TW/h Strom mehr. Das sind 30.000.000.000 KW/h oder ein Viertel allen Braunkohlestroms in Deutschland.

Sparpotenziale sind enorm

Die Anreize zum Energiesparen sind jedoch für die größten Verbraucher sehr gering, kommen sie doch ab einer gewissen Verbrauchsmenge in den Genuss von Ausnahmen von den Netzentgelten und der EEG-Umlage. Das führt bisweilen dazu, dass Strom einfach verplempert wird, um eine gewisse Schwelle zu überschreiten. Stromsparen wird demnach nicht belohnt, sondern bestraft. Aber auch jeder Einzelne kann sich fragen, ob er alle Geräte wirklich elektrisch benötigt, ob es sparsamere Alternativen gibt, oder ob sich Geräte tatsächlich ausschalten lassen, statt nur im Standby zu schlummern. Bei allem was wir also nutzen, können wir uns immer die Frage stellen, ob es nötig ist und vielleicht auch mit weniger Strom funktioniert.

Energiewende mit Vernunft – 2. Energie speichern und  transportieren

Aller Sparanstrengungen zum Trotz, werden wir auch weiterhin Strom benötigen und verbrauchen. Ein wesentlicher Faktor neben der reinen Stromprodkution ist dabei die Möglichkeit den Strom zum Verbraucher zu transportieren und den Strom auch dann zu verbrauchen, wenn er produziert wird, oder für später zu speichern. In Deutschland reichen die Netzkapazitäten allerdings bei Weitem nicht aus, um zu Spitzenzeiten den produzierten Ökostrom aufnehmen zu können und dorthin zu bringen, wo er benötigt wird. Das führe zu kritischen Situationen und machte massive Eingriffe an 353 Tagen in das Netz durch die Energiebetreiber erforderlich. Die Kosten dafür beliefen sich 2017 auf 1,4 Millarden Euro. Zudem mussten Anlagen der erneuerbaren Energien abgeschaltet werden, damit die Netze nicht zusammenbrachen. Den Betreibern steht dabei eine Entschädigung für den potenziell produzierten Strom zu, Kosten hierfür 2017: 600 Mio Euro.

Verschenken wäre noch billig

Es kommt immer wieder vor, dass dennoch die Überkapazitäten dermaßen groß sind, dass ausländische Netze im Energieverbund diesen aufnehmen müssen. Ein Hauptabnehmer ist dabei  zum Beispiel Frankreich, denen wir dafür sogar noch Geld bezahlen in Form von negativen Strompreisen an der Strombörse.
Als verrückt mag auch erscheinen, dass 2017 in Norddeutschland Anlagenleistung von 10,2 Milliarden KW/h abgeschaltet werden mussten und gleichzeitig im Süden aus Gründen der Netzstabilität im selben Zeitraum Reservekraftwerke 10,2 Milliarden KW/ Strom zusätzlich produzieren mussten.

Ebenso verfügen wir nicht über die nötige Technologie, um Strom in großen Mengen zu speichern und so Zeiten hoher Produktion für Zeiten mit weniger Energieproduktion vorhalten zu können. Derzeit muss Strom immer noch in Echtzeit produziert werden. Und das erfordert, dass konventionelle  Kraftwerke bei uns immer im Backup mitlaufen müssen, um bei Flauten und Dunkelheit einspringen zu können. Daher verwundert es nicht, wenn die CO2 Bilanz jeder KW/h trotz steigender Anteile erneuerbarer Energien nur marginal gesunken ist. Zieht man dann noch die CO2 Bilanz dazu, die ein Windrad bei der eigenen Produktion, der Errichtung, den Transporten etc. verbraucht, so ist die effektive CO2 Einsparung gleich 0. Zudem darf in Europa jede KW/h die wir z.B. an Kohlestrom einsparen, an anderer Stelle Europas zusätzlich produziert werden. Europäisch betrachtet also dürfte der CO2 Ausstoß demnach sogar noch steigen.

Resümierend bleibt aktuell also festzuhalten, dass wir Teile unseres Ökostroms gar nicht nutzen können und durch Überkapazitäten sogar zusätzliche, weitgehend konventionelle Stromproduktion erst nötig machen. Ohne vorherigen Leitungsausbau und sinnvolle, großvolumige Speichermöglichkeiten, macht demnach ein weiterer Ausbau der erneuerbaren Energien keinen Sinn. Zudem ist eine europäisch gewollte politische Lösung nötig, da es gesamteuropäische Kapazitäten gibt.

Energiewende mit Vernunft – 3. Ökostrom auch Öko produzieren

Ja, jetzt kommen wir zum Punkt, der mir besonders am Herzen liegt, der Art und Weise wie wir unseren Ökostrom produzieren. Gesetz dem Fall, wir schaffen es die Punkte 1 und 2 vorwärts zu bringen, sodass ein Ausbau erneuerbarer Energien überhaupt Sinn macht, so dürfen wir dann keinesfalls außer Acht lassen unseren Ökostrom auch öko zu produzieren. So sollten wir meiner Meinung nach nichts dafür zerstören, was wir dadurch eigentlich schützen wollen. Wenn wir also Waldflächen abholzen, um WKA zu bauen, so ist nicht nur der Gedanke der Nachhaltigkeit dahin, sondern wir zerstören ein Ökosystem und gleichzeitig sogar einen CO2 Speicher, denn jeder Baum bindet eine große Menge davon.
Auch die Gefahren für Vögel sind durch WKA enorm. Über 75% der Bestände sind in der Nähe solcher Anlagen verschwunden. Bodenversiegelung, Gefahr durch Feuer, vor allem in abgelegenen Waldregionen, austretende Betriebsstoffe und nicht zuletzt eine stärker in den Fokus rückende Lärm- und Infraschallbelastung, lassen berechtigte Zweifel an dieser Form der Stromproduktion im Wald aufkommen. Generell dürfen also nur Flächen ausgewählt werden, in denen keine oder nur eine extremst geringe Beeinträchtigung der Natur und des Lebensraumes stattfinden würde – und diese sind mit Sicherheit nicht in unseren Wäldern.

PV hingegen lässt sich auf noch unzähligen freien Dachflächen installieren, kann dezentral in ganz Deutschland betrieben werden und mit entprechender Speichertechnologie entfällt sogar der langstreckige Transport. Hier sehe ich wirkliche Potenziale umweltfreundlichen Strom zu erzeugen, jedoch nur, wenn er an anderer Stelle dafür nicht zusätzlich klimaschädlich produziert werden darf.

Energiewende mit Vernunft – 4. Fazit

Ohne einen echten politischen Willen den ökologischen Stromsektor europaweit zu reformieren und ohne sinnvolle technische Entwicklungen im Bereich der Stromspeicherung, macht es aktuell keinen Sinn, weiter Kapazitäten zu erreichten. Erst wenn alle Voraussetzungen geschaffen sind, können wir fortfahren die Stromgewinnung weiter auf erneuerbar umzustellen. Bis dahin ist jede WKA und jede PV ohne Speicher nichts weiter als ein hochsubventioniertes Lobbyprojekt, welches nur wenigen zugute kommt, während die Natur und die Allgemeinheit dafür bezahlen darf. Um es bildlich zu sagen: Die BAdewanne läuft über und wir drehen den zweiten Wasserhahn auf…

Am Rande: Strom an der Gesamtenergiebilanz

Der Stromverbrauch an der Gesamtenergiebilanz betrug 2017 gerade einmal ca. 20%. Die anderen 80% (z.B. Verkehr, Heizung etc) sind zu weiten Teilen nicht regenerativ. Das bedeutet bei 1/3 regenerativem Strom insgesamt lediglich einen Anteil von knapp 7% am Gesamtenergiebedarf Deutschlands. Der Weg zum wirklich regenerativen Energiehaushalt ist also noch sehr, sehr weit und man stelle sich besser nicht den Flächenverbrauch vor, wolle man den Großteil mit WKA erreichen…

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